Als ich zum ersten Mal durch das isländische Hochland gefahren bin, hatte ich eigentlich aufgehört, nach Wasserfällen Ausschau zu halten. Nicht, weil sie selten gewesen wären – genau das Gegenteil war der Fall. Nach Stunden voller schwarzer Lavafelder, moosbedeckter Landschaften und wechselndem Wetter wurde ein weiterer Wasserfall fast schon zu etwas Vertrautem. Und dann bog die Straße um eine Kurve, und plötzlich fiel ein schmaler Wasserstreifen über eine Felswand, den ich auf keiner Karte markiert gesehen hatte. Genau diese Momente machen Island für mich besonders.
Die Frage „Wie viele Wasserfälle gibt es in Island?“ klingt zunächst nach einer einfachen Zahl. In Wirklichkeit lässt sie sich nicht eindeutig beantworten. Island besitzt Tausende Wasserläufe, die je nach Jahreszeit, Schneeschmelze und Niederschlag ihre Form verändern. Manche Wasserfälle sind berühmte Reiseziele mit Namen und Besucherparkplätzen, andere sind kleine Kaskaden am Straßenrand, die nicht einmal offiziell erfasst wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass Island mehrere Tausend Wasserfälle besitzt, wobei nur ein Teil davon einen eigenen Namen trägt.
Wer durch Island reist, merkt schnell: Die Wasserfälle sind hier nicht einfach Sehenswürdigkeiten auf einer Liste. Sie gehören zur Landschaft, sie erzählen von Vulkanen, Gletschern und dem rauen Klima der Insel. Genau deshalb lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen.
Warum eine genaue Zahl kaum möglich ist
Anders als bei Bergen oder Städten kann man Wasserfälle nicht immer eindeutig zählen. Ein großer Wasserfall wie Gullfoss ist leicht zu bestimmen, weil das Wasser über eine markante Felsstufe fällt und der Ort seit Generationen bekannt ist. Schwieriger wird es bei kleineren Fällen. Ein Bach kann im Frühling durch Schmelzwasser einen beeindruckenden Wasserfall bilden und im trockeneren Sommer fast verschwinden.
Bei meinen Fahrten durch verschiedene Regionen Islands ist mir oft aufgefallen, dass die kleinen, namenlosen Fälle mindestens genauso spannend sein können wie die bekannten Orte. Besonders in den Westfjorden oder entlang weniger befahrener Straßen entdeckt man Wasser, das direkt aus Bergen kommt und ohne große Inszenierung seinen Weg ins Tal sucht.
Die Landschaft Islands verändert sich ständig. Gletscher bewegen sich, Flüsse graben neue Wege, und das Wetter kann innerhalb weniger Stunden die Wassermenge verändern. Deshalb wäre eine offizielle Zahl, die für immer feststeht, eigentlich ein Widerspruch zu dieser dynamischen Natur.
Die bekanntesten Wasserfälle Islands und was sie besonders macht
Natürlich gibt es einige Namen, die fast jeder Island-Reisende kennt. Diese Wasserfälle sind nicht zufällig berühmt geworden. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter und zeigt eine andere Seite der isländischen Landschaft.
Gullfoss gehört zu den bekanntesten Wasserfällen des Landes und liegt am berühmten Goldenen Kreis. Das Wasser des Flusses Hvítá stürzt in zwei Stufen in eine tiefe Schlucht. Besonders eindrucksvoll finde ich dort nicht nur die Größe des Wasserfalls, sondern die Geräuschkulisse. Schon bevor man die Fallkante sieht, hört man das gewaltige Rauschen.
Seljalandsfoss an der Südküste ist wahrscheinlich einer der fotografiertesten Wasserfälle Islands. Seine Besonderheit liegt darin, dass man bei passenden Bedingungen hinter die fallende Wassersäule laufen kann. Dabei sollte man allerdings nicht unterschätzen, wie nass dieser Spaziergang werden kann. Eine Regenjacke ist hier keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, sondern Teil der normalen Reiseausrüstung.
Etwas anders wirkt Skógafoss, ebenfalls an der Südküste. Der Wasserfall fällt etwa 60 Meter über eine gerade Felswand und beeindruckt vor allem durch seine enorme Breite. An sonnigen Tagen entsteht häufig ein kräftiger Regenbogen im Sprühnebel. Ich erinnere mich besonders an die frühen Morgenstunden dort, wenn noch wenige Menschen unterwegs sind und der Wasserfall fast wie eine private Landschaftskulisse wirkt.
Im Norden Islands liegt Goðafoss, der sogenannte „Wasserfall der Götter“. Seine Geschichte ist eng mit der Christianisierung Islands verbunden. Der Ort verbindet Natur und Geschichte auf eine Weise, die man in Island häufig findet: Ein Landschaftspunkt wird gleichzeitig zu einem Teil der kulturellen Erinnerung.
Die Regionen Islands mit den meisten Wasserfällen
Wer möglichst viele Wasserfälle sehen möchte, sollte nicht nur die bekannten Routen betrachten. Fast jede Region Islands hat ihre eigenen Wasserfall-Landschaften, aber einige Gebiete fallen besonders auf.
Die Südküste ist für viele Besucher der erste Kontakt mit Islands Wasserfällen. Hier liegen mehrere bekannte Fälle relativ nah beieinander, weshalb man auf einer einzigen Fahrt viele unterschiedliche Eindrücke sammeln kann. Der Nachteil: In der Hauptsaison können die Parkplätze und Wege sehr voll sein.
Die Westfjorde haben einen ganz anderen Charakter. Die Berge sind steil, die Straßen oft kurvenreich, und hinter vielen Felswänden verstecken sich kleine Wasserfälle. Einer der spektakulärsten Orte dieser Region ist Dynjandi, ein Wasserfall, der sich wie ein weißer Fächer über den Hang ausbreitet. Der Aufstieg zu den kleineren Fällen oberhalb und unterhalb lohnt sich, weil man dort die Landschaft viel ruhiger erlebt.
Auch der Norden und Osten Islands überraschen mit zahlreichen Wasserfällen. Manche liegen direkt an beliebten Straßen, andere erfordern kleine Wanderungen. Gerade diese weniger bekannten Orte bleiben vielen Reisenden besonders im Gedächtnis, weil sie nicht nur wegen eines berühmten Namens besucht werden.
Was Islands Wasserfälle von anderen Ländern unterscheidet
Viele Länder besitzen beeindruckende Wasserfälle. Island hat jedoch eine besondere Kombination aus geologischen Bedingungen und Klima. Das Wasser stammt häufig aus Gletschern, Schneegebieten oder starken Regenfällen. Gleichzeitig sorgen die vulkanischen Gesteinsschichten dafür, dass Flüsse tiefe Schluchten und markante Felsformationen bilden konnten.
Ein weiterer Unterschied ist die Nähe zur Natur. In Island stehen viele Wasserfälle nicht in einem klassischen Park mit Zäunen, Souvenirläden und festen Besucherwegen. Manchmal reicht eine kurze Fahrt von der Hauptstraße, und man befindet sich vor einem kleinen Fall, bei dem außer Wind und Wasser nichts zu hören ist.
Diese Freiheit bringt aber auch Verantwortung mit sich. Die empfindliche Landschaft rund um viele Wasserfälle kann durch unachtsames Verhalten beschädigt werden. Besonders das isländische Moos wächst extrem langsam. Ein kurzer Weg über eine gesperrte Fläche kann Spuren hinterlassen, die viele Jahre sichtbar bleiben.
Einige Fakten, die man vor einer Reise kennen sollte
Wer Wasserfälle in Island fotografieren oder bewusst erleben möchte, sollte nicht nur auf die berühmten Namen achten. Das Wetter spielt eine entscheidende Rolle, und manchmal verändert ein grauer Himmel die Atmosphäre stärker als strahlender Sonnenschein.
Ein paar praktische Beobachtungen aus vielen Reisen:
- Die Wassermenge verändert sich stark: Im Frühling und Sommer können Schmelzwasser und Regenfälle manche Wasserfälle deutlich größer erscheinen lassen.
- Der Wind gehört dazu: Bei offenen Wasserfällen kann der Sprühnebel weit getragen werden und Kleidung schnell durchnässen.
- Frühe Stunden lohnen sich: Viele bekannte Orte wirken am Morgen ruhiger und ursprünglicher.
- Nicht jeder kleine Wasserfall hat einen Namen: Gerade die unscheinbaren Fälle entlang abgelegener Straßen sind oft besondere Entdeckungen.
- Die Jahreszeit verändert den Eindruck komplett: Ein Wasserfall im Winter mit Eisformationen wirkt wie ein anderer Ort als derselbe Fall im Sommer.
Warum die Suche nach unbekannten Wasserfällen oft die schönste Erfahrung ist
Natürlich gehört es zu einer ersten Islandreise dazu, Gullfoss, Seljalandsfoss oder Skógafoss zu besuchen. Diese Orte sind aus gutem Grund berühmt. Trotzdem habe ich festgestellt, dass die nachhaltigsten Erinnerungen oft an die kleineren Begegnungen entstehen.
Ein Wasserfall ohne Parkplatz, ohne großes Schild und ohne lange Warteschlange kann manchmal mehr erzählen. Vielleicht steht man dort nur zehn Minuten, hört das Wasser über das Gestein laufen und sieht, wie Wolken über die Berge ziehen. Es ist kein spektakuläres Erlebnis im klassischen Sinn, aber genau darin liegt der Reiz.
Island zwingt einen ein wenig dazu, langsamer zu reisen. Entfernungen wirken auf der Karte überschaubar, doch Wetter, Straßenverhältnisse und Landschaft laden dazu ein, nicht einfach von einem Punkt zum nächsten zu fahren. Die Wasserfälle sind dabei oft die kleinen Unterbrechungen, die eine Reise strukturieren.
Eine Landschaft, die sich nicht zählen lässt
Die Frage nach der Anzahl der Wasserfälle in Island bleibt also ohne endgültige Antwort. Man kann die bekannten Fälle zählen, Karten erstellen und Namen sammeln. Aber die eigentliche Besonderheit liegt gerade in den vielen Wasserfällen, die nie Teil einer großen Liste werden.
Nach mehreren Reisen durch Island sehe ich Wasserfälle weniger als einzelne Sehenswürdigkeiten, sondern eher als Stimmen der Landschaft. Manche sind laut und gewaltig, andere fast verborgen. Zusammen erzählen sie die Geschichte einer Insel, die ständig in Bewegung ist.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Island jedes Jahr Menschen zurückzieht. Nicht, weil man irgendwann alle Wasserfälle gesehen hätte, sondern weil hinter der nächsten Kurve immer noch einer warten kann, den man nicht erwartet hat.
Bildmaterial von Magnific (www.magnific.com)
Eine fremde Stadt lässt sich am besten zu Fuß entdecken – ohne festen Zeitplan und gern abseits der bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Gesucht werden besondere Ecken, gutes Essen und Orte, an denen sich der Charakter einer Stadt wirklich zeigt.

